Lesetipp zum Wochenende: Die dritte Tochter

Die dritte TocherEigentlich hätte ich gedacht das Kerstin es selber der Welt hier mitteilt, aber Sie hat wohl soviel Stress, das Sie nicht dazu kommt. Deshalb darf ich mit Freude verkünden das „Die dritte Tochter“ veröffentlicht wurde und jetzt (fast) überall als eBook oder gedruckt erhältlich ist.

Über Ihre Erfahrung als Self-Publisher wird Sie bestimmt noch selber was schreiben.

Für alle die noch nichts von Kerstins Projekt wissen, hier hat Sie darüber geschrieben und weiter unten findest Du eine Leseprobe.

Ich wünsche Dir viel Vergnügen beim lesen!

Leseprobe

Der Tag, an dem meine Mutter starb, war der letzte des Sommers. Ich war sechzehn Jahre alt, und während die Trauer das ganze Haus füllte und mich zu ersticken drohte, lief ich in den Wald und fragte mich, warum Mutter mich nicht einfach mit sich genommen hatte.

Sie war lange krank gewesen, und niemand hatte ihr helfen können. Tag für Tag hatte ich an ihrem Bett verbracht, auch nachdem alle Ärzte sie aufgegeben hatten. Vater hatte sich regelmäßig mit Branntwein getröstet, und die Mägde schlichen auf Zehenspitzen um ihn herum, wie auch um Mutter. Gedämpfte Stimmen und vorsichtiges Auftreten, zugezogene Vorhänge und stickige Luft – nicht etwa im Krankenzimmer, sondern dort, wo mein Vater sich aufhielt; meistens in seinem Arbeitszimmer, das ich als Kind selten hatte betreten dürfen und das für mich jetzt ein Ort des absoluten Tabus war.

Das Zimmer meiner Mutter hingegen war freundlich und hell. Wir hatten das Bett so gerichtet, dass sie aus dem Fenster in den sommerlichen Garten blicken konnte, wo sich die Bäume sanft im Wind wiegten und die Sonne am frühen Abend vergnügte Flecken auf das Gras malte. Oft saß ich dort und träumte, während ich ihre Hand hielt oder ihr ein kühles Tuch auf die Stirn drückte. Gegen Ende sprach sie überhaupt nicht mehr, sah mich kaum noch an, hatte stattdessen immer den Blick auf das Fenster gerichtet. Ich sprach mit ihr, hin und wieder; erzählte ihr von meinem Tag, von den Jungen, die die Katze schon wieder geworfen oder von den Kaninchen, die ich geschossen hatte. Sie blickte auf das Fenster, blinzelte hin und wieder, und als sie irgendwann nicht mehr blinzelte, als es draußen dunkel wurde, weil der Himmel sich für ein Gewitter zuzog, als es draußen blitzte und donnerte und sie trotzdem nicht blinzelte, als ich schließlich gar nichts mehr von ihr vernahm, nicht einmal den leisesten Atem – da wusste ich, dass sie fortgegangen war. Dass sie mich verlassen hatte, dass es ihr dort, wo sie hingegangen war, zwar besser ging, aber dass ich alleine zurückbleiben musste. Ich schrie nicht und ich weinte nicht, sondern ich drückte ihr die Augen zu und stand auf, mühsam nur, denn die maßlose Leere in meinem Herzen schien mich durch ihr Gewicht zu Boden zu drücken. Ich stand auf, verließ meinen Platz neben ihrem Bett zum letzen Mal und sagte der Kammerzofe draußen, dass Mutter von uns gegangen war. Schließlich trat ich müde vor die Tür meines Vaters‘ Arbeitszimmer.

„Vater“, sagte ich zu dem dunklen, mit Schnitzereien verzierten Holz. Keine Antwort.

„Vater“, sagte ich wieder. „Mutter ist tot.“

Ich wartete. Wartete drei Atemzüge, vier, fünf. Aus dem Zimmer kam kein Laut. Erst als ich die Hand auf die Klinke legte und eintreten wollte, erklang ein mürrisches „Geh!“ Fast hätte ich seine Stimme nicht erkannt, sie war heiser und leblos. Ich ging und rannte in den Wald. Und erst dort weinte ich.

Einer der Knechte hatte schließlich die Weitsicht, den Bruder meines Vaters zu verständigen, der eine Tagesreise von unserem Gut entfernt lebte. Während ich mich so gut ich konnte um den Haushalt kümmerte und dafür sorgte, dass der Leichnam meiner Mutter gewaschen und gesalbt wurde, brachte mein Onkel meinen Vater dazu, dem Alkohol zu entsagen und aus seiner Höhle hervorzukommen. Als das Totenmahl auszurichten war, schien mir Vater schon fast wieder so, wie ich ihn gekannt hatte: zupackend und beherrscht. Nur seine Fröhlichkeit fehlte ihm, aber die fehlte auch mir, darum wunderte ich mich nicht darüber.

Er fand sie jedoch nie wieder.

Was er fand, war eine neue Frau. Der König hatte ihm nach einer höflichen Wartezeit von einigen Monaten nahegelegt, wieder zu heiraten, und Vater kannte von seinen zahlreichen Reisen eine reiche Kaufmannswitwe mit zwei Töchtern, die ungefähr in meinem Alter waren. Diese drei Frauen holte er sich ins Haus, und das Unglück, das in meinen Augen mit Mutters Tod seinen Höhepunkt erreicht hatte, begann, sich ins Unermessliche zu steigern.

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